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Mohrens Einwurf
21.03.2011 / Wilfried Mohrens Einwurf: Ereignisreiche Tage

Seit Samstagnachmittag haben wir eine etwas konkretere Vorstellung davon, womit die Vorsehung uns in dieser Saison vielleicht noch bekränzen könnte. Der DFB-Pokal, die Relegation, der Aufstieg gar : Alles Themen die immer noch, oder wieder aktuell und greifbar sind. Die Mannschaft hat den Charaktertest des Monats März jedenfalls mit Bravour bestanden. Die im Februar begangenen Versäumnisse wurden in den letzten Tagen und Wochen eindrucksvoll korrigiert.
Wir haben allerdings erfahren, dass neben einigem Können auch Glück ein wichtiger Faktor auf dem Wege "per aspera ad astra" ist. Denn am Samstag in Jena schwankten wir in der 2. Halbzeit, trotz Überzahl, bedenklich. Als der in Jenaer Diensten stehende Sohn unseres Mannschaftsarztes Mitte des zweiten Durchgangs nach einem Laufduell mit Dennis Hillebrand beim Stande von 1-1 in unserem Strafraum zu Fall kam, hätte es --ohne Glück--auch Elfmeter für Jena geben können. Leicht auszudenken, wie das Derby dann hätte auch ausgehen können. Auch als Dominick Drexler zum 1-2 traf, war Glück im Spiel. Die Abseitsposition, des diesmal 20 Minuten vor Schluss eingewechselten Stürmers, war evident. Wir sollten die Größe haben, gegenüber den schockiert an der Szene haftenden Gastgebern, die Fehlentscheidung des Schiedsrichters fair anzuerkennen. Das fällt einem echten Sportsmann auch nicht schwer, zumal es am Spielausgang auch nichts mehr ändert und unsere Freude über die Punkte keineswegs schmälern muss. Derbysieg bleibt Derbysieg, der 48. in der Vereinsgeschichte, womit die Gesamtbilanz ausgeglichen wäre, in 128 Begegnungen seit 1903. Und für das Finale der aktuellen Meisterschaft stehen uns jetzt noch nervenaufreibende Wochen bevor. Hast und Hufschlag werden um uns herum sein, womöglich bis zum letzten Spieltag.
Dominik Drexler hat, ungeachtet der Fehlentscheidung des Schiedsrichters, gegen einen Gegner von Ruf und Bedeutung, sein Ansehen nach innen wie nach außen aufglänzen können. Das sei dem lange verletzten und bisher nur in Kurzeinsätzen in Erscheinung getretenen Ex-Leverkusener von Herzen gegönnt. Er besitzt nach meiner Auffassung glänzende Tugenden, wenn sie auch vielfach noch im keimenden Zustand sind. Aber er wird gewiss noch Gelegenheit erhalten, zu ansehnlicher Blüte zu reifen.
Auffällig war Samstag auch die Übersicht von Marcel Reichwein, die nicht unerwähnt bleiben sollte. An allen drei Toren war er als direkter Vorlagengeber beteiligt. Chapeau !
Im Übrigen spürt man, trotz des Glücks in einigen Szenen, wie gefestigt das Team mittlerweile ist. Wie fein gegliedert eine dem ganzen Unternehmen förderliche, kameradschaftlich hierarchische Ordnung die Mannschaft durchzieht. Dies gehört auch zu den Gründen unserer inzwischen ansehnlichen Punktesammlung. Es ist ein Verdienst unseres Trainerteams, wofür das Präsidium am letzten Donnerstag schließlich auch die verdiente öffentliche Belobigung in Form der Vertragsverlängerung mit Stefan Emmerling aussprach. Der Zeitpunkt der Verkündung war ein psychologischer Trick, mit dem unser Präsident wieder "Gespür für den richtigen dramaturgischen Moment" bewies.
Was mir an Stefan Emmerling gefällt : Er versucht stets auf `s Große zu gehen, hat ehrgeizige Ziele, findet am Mittelmäßigen kein Genügen. Und er hat wieder ein Funkeln in Augen gezaubert, die schon trübe und traumleer waren.

Während der Trainer verlängert hat und bleibt, verlässt uns der Geschäftsführer. Rainer Hörgl hatte nicht viele Freunde und Befürworter in Erfurt. Von allen Hunden gehetzt musste er vor genau einem Jahr seinen Trainerstuhl räumen, blieb aber Sportlicher Leiter.
Die meisten Ansichten über ihn sind fabulös und von geringem Kenntnisreichtum, sowohl was seine Arbeit, als auch seine Person anbelangt. Seine Auffassung von Fußball war anders, aber deshalb von der Anlage her nicht schlechter als die von Stefan Emmerling. Rainer Hörgl war und ist ein Analytiker, ein Didaktiker und einer der ein besonders gutes Auge für das Talent eines jungen Spielers hat. Deshalb werden die von ihm im Nachwuchsbereich des FC Rot-Weiss geschaffenen Grundlagen von Christian Preußer und Kollegen nicht nur fortgeführt, sondern auch fruchtbare Ergebnisse bringen. Hörgls bisweilen vornehme Entrücktheit, als Facette eines von seinen Prinzipien geprägten Charakters, wurde ihm übrigens ebenso fälschlich wie weitverbreitet als Arroganz ausgelegt. Eine "Beurteilung" mit der jeder, der anderen Leuten nicht sogleich nach dem Bart ist, in einer von Vorurteilen und vielfach falschen Überzeugungen besetzten Welt, offenbar zunehmend leben muss. So pflanzten sich Geschichten über den Bayern fort, die schließlich auch bei Leuten, die Hörgl nicht kannten, allmählich vom Gerücht zu einer "Tatsache" mutierten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass in einer immer oberflächlicher werdenden Gesellschaft offenbar nur noch das gilt, was einer dem anderen  glauben macht.

Unsere Fans waren Samstag im Übrigen nahezu vorbildlich. Einige von Ihnen radelten sogar nach Jena. Begleitet von Funk und Fernsehen. Dabei warben sie noch für ein neues Steigerwaldstadion. Ein großartiges Unternehmen in Idee und Umsetzung. Kompliment für so viel Initiative und Kondition!
Bis auf einige bedauerliche Böller blieben später im Abbe-Stadion verbotene Hilfsmittel zur Dokumentierung von Leidenschaft und Hingabe bei der vollständig versammelten Rot-Weißen Anhängerschaft außen vor. Dafür HERZLICHEN DANK ! Mit einem leicht reduzierten Eintrittspreis, im kommenden Heimspiel gegen Heidenheim, will sich der Verein dafür bedanken. Wir hoffen, dass Freude, Hoffnung und Begeisterung einerseits, sowie Besonnenheit und klare Selbstprüfung andererseits sich auch in den kommenden Begegnungen glücklich und förderlich die Waage halten werden. Es ist im Sinne des Vereins und aller Menschen, die ihm wirklich nahe stehen!

Unser Radio- und Tickerteam traf leider nicht auf diese Besonnenheit, musste gar die Arbeit im Dienste ihrer Leser und Hörer am Samstagnachmittag irgendwann einstellen. Sie wurden von einigen dürftigen Menschen auf der Tribüne in Jena übel beschimpft und fürchteten gar Prügel zu erhalten. Eine unschöne Sache, für die sich Jenas Pressesprecher Andreas Trautmann allerdings inzwischen bereits namens seiner gesamten Clubführung schriftlich entschuldigt und mit der Zusage einer Kabine für das nächste Derby erkenntlich gezeigt hat. Wir wissen, dass den FCC kein Verschulden trifft und danken für die umgehende Reaktion auf das nicht akzeptable Verhalten einiger Jenaer Anhänger.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

Wilfried Mohren

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