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Mohrens Einwurf
29.08.2011 / Mohrens Einwurf: Sportlicher Sinkflug gestoppt - Trauer über Ausschreitungen

Nach dem Freudentaumel zu Saisonbeginn, als wir das Derby recht deutlich, aber deshalb nicht unbedingt glanzvoll gewannen, hat der Erfurter Fußballfan in den letzten Wochen vermehrt unzufriedene Anschauungen an das Rot-Weiße Spiel geknüpft. Mangelnde Geschlossenheit und fehlende Konzentration führte auf dem Platz zu schwachem Zweikampfverhalten, teils gravierenden individuellen Schnitzern und taktischem Fehlverhalten.

Besonders die  bescheidene Torausbeute machte dabei allen zu schaffen. Am Saum des gegnerischen Strafraums endete in allen Spielen unsere Kraft, verhauchte jede Idee zur Gänze. Die Quelle aller Bemühungen war praktisch schon versiegt, sobald die Kreidestreifen sichtbar wurden. Indizien einer höheren Qualität, die wir trotz der Niederlagen in Babelsberg und Stuttgart, oder auch daheim beim   0-0 gegen Osnabrück noch offenbarten, konnten sich in Aalen nicht einmal mehr ansatzweise kristallisieren.

Vor dem Spiel gegen Darmstadt war daher schon von einer nahenden Krise die Rede. Welch glückliche Fügung, dass diese Gefahr einstweilen abgewendet werden konnte, denn der gestrige Erfolg verschafft Trainer und Mannschaft Zeit zum Nachdenken über die nächsten Schritte. Am kommenden Wochenende ruht nämlich der Ligaspielbetrieb.

Die Mannschaft selbst hatte mit ihrer Form des Räsonierens schon am vergangenen Dienstag - ohne den Trainerstab - begonnen. Da sich, ob der ausbleibenden Erfolge, jüngst auch Zwiespalt und merklicher Hader im Gefüge entwickelt und eingenistet hatten, drängte vor allem der Kapitän auf  einen Austausch der Ansichten. Alle hätten sich, so die Meinung von Anwesenden im Nachgang, selbstkritisch hinterfragt. Seither soll auch klar sein, wer künftig Koch und wer Kellner ist.

Was als Resultat dieser Besprechung aber am Samstag geboten wurde, war beileibe nicht immer und zu jeder Zeit "das Gelbe vom Ei". Allerdings gab sich eine umsortierte  Mannschaft erkennbar Mühe einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Man spürte zwar noch die Verunsicherung, aber auch die Möglichkeiten, die in dieser Mannschaft schlummern.

Drei Spieler und ihr Auftreten möchte ich gerne etwas näher beleuchten.

Zunächst Marcel Reichwein. Seit seinem unzweifelhaft verdienstvollen Wirken im Derby gegen Jena, war er über fünf Spiele hinweg geradezu unsichtbar für mich geworden. Ein Stürmer, quasi wie im fußballerischen Zölibat. Einer ,der sogar den erbötigsten Möglichkeiten zu entsagen wußte. Dadurch verkümmerte er nicht nur sich selbst, sondern auch den Zuschauern zunehmend den Genuss am Spiel. Seine gleichwohl beständige Nominierung für die Anfangself, ließ auf der Tribüne daher schon die Frage aufkommen, welches Band wohl Spieler und Trainer verbinde, da auf dieser Position kein Wechsel erfolge. Natürlich tat der Junge einem leid, wenn er nach der x-ten vergebenen Chance mit herabhängenden Schultern, fast wie eine der traurigen Figuren des Renaissance-Künstlers Sandro Botticelli wirkend, verloren dastand. Aber in seinem und im Sinne der Mannschaft war ich schließlich auch der Ansicht, es sei bald an der Zeit, ihn für eine schöpferische Pause eine Weile mit der Bank bekannt zu machen. Die offensichtliche Überbürdung mit eigenen und fremden Erwartungen erschien mir doch zuviel für ihn zu sein. Wie gut und erfreulich, dass Marcel  am Samstag dann doch noch die Kurve bekam und der kannibalische Blick wieder in seinen Augen glomm. Durch seinen Treffer ermöglichte er uns, den bis dahin überlegenen Gästen Einhalt zu gebieten und überhaupt erst in das Spiel zu finden. Im Letzten brachte er uns dadurch auf die Siegerstrasse. Gut gemacht und weiter so !  Ein Ruhekissen kann  dieser Erfolg  aber nicht für ihn sein. Die Optionen im Angriff werden nämlich vielfältiger, da neben dem vulkanösen Gaetano Manno demnächst auch wieder Serge Yohua und Fikri El Haj Ali ihre Ansprüche anmelden werden.

Ein anderer Spieler dürfte gestern auch sehr zufrieden mit sich und der Welt gewesen sein. Denn Olivier Caillas war unfreiwillig ein Teil unserer jüngsten Problematik. Er ist nämlich von seiner ganzen Anlage und ausdrücklichen Körpersprache her kein Verteidiger, schon weil er zuweilen einen genialen Leichtsinn zur Schau trägt. Gleichwohl musste er sich seit dem Platzverweis von Thomas Ströhl in Potsdam, hinten links aufhalten und wurde an dieses Joch auch nach Ablauf der Spielsperre für Ströhl gebunden. Olivier, ein Darstellungsvirtuose, den es beständig drängt bis ins Kleinste und Feinste mimisch zu sein  und dem seine Vollkommenheit in diesem Laster inzwischen sogar eine Art zweifelhafte Duldung eingetragen hat, braucht aber den Freiraum, die ganze Linie abzustreifen. Vor allem braucht er offensive, gestaltende Entfaltungsmöglichkeit. An guten Tagen, wenn er nicht wieder zu sehr von einem gelegentlich aufflammenden späten Knabentrotz bemächtigt wird, entströmt dabei oft sehenswerte Ballkunst seinen Beinen, die in Form guter Flanken und exakter Freistöße auch Marcel Reichwein abhanden gekommen waren. Gestern blühte er in seiner angestammten Funktion wieder auf und krönte sein (offensives) Spiel mit dem entscheidenden Tor.

Möglich geworden war dieser Treffer aber erst durch eine famose Sololeistung von Smail Morabit, den ich auch noch kurz beleuchten möchte. Smail ist ein alerter und fideler Junge, der großes Potential besitzt. Im Angriff scheint dies noch mehr zum Tragen zu kommen, als im linken Mittelfeld. Feurig im Wesen, hatte er zuletzt noch zu sehr versucht eine Spielsituation alleine und nur durch sein Temperament zu lösen. Es fehlte ihm an Übersicht. Auch gestern war er noch nicht sogleich im Spiel, steigerte sich dann aber enorm. Am Ende gehörte er zu den Besten, nicht zuletzt wegen der Vorbereitung des Tores von Caillas. Diesmal mit viel Übersicht, nachdem er zuvor die ganze Darmstädter Abwehr alleine beschäftigt hatte!

Man könnte jetzt so weiter machen, etwa auch trefflich ausschmücken, was wir in Markus Rickert  offenbar für einen tollen Keeper haben, oder wie wertvoll Rudi Zedi und noch eine Reihe anderer Spieler im Räderwerk sind oder noch werden können. Aber darüber und über personelle und systematische Problemfelder will ich mich gerne ein anderes Mal auslassen, wenn die Erkenntnisse aus einer fortgeschrittenen Saison runder und reichhaltiger geworden sind.  Ich bin jetzt, wie Sie auch, zunächst froh, dass wir gewonnen haben und der Sinkflug von Platz 1 nach dem 1.Spieltag, auf Rang 14 nach dem 6. Spieltag gestoppt ist. Mit dem 10 Platz und Blickkontakt nach oben, können wir, vor der ersten Punktspielpause der Saison, wieder deutlich besser leben.

Ohne Verständnis bin ich in Bezug auf den zurückliegenden Samstag in zwei Punkten:

Wenn wir zunächst bei dem Geschehen auf dem Rasen bleiben, so haben mir die Tätlichkeiten von Joan Oumari und Domink Drexler, die dem Schiedsrichter entgangen sind, überhaupt nicht gefallen.  Einem am Boden liegenden Gegner auf den Unterschenkel zu steigen, oder ihm den Ellenbogen in das Gesicht zu rammen, ist absolut nicht akzeptierbar. Ich hoffe nicht, dass die sportliche Leitung, nur weil der Schiedsrichter es zufällig nicht gesehen hat, die Vorfälle unter den Tisch kehrt. Gerade bei diesen beiden Jungs bin ich übrigens besonders überrascht, da sie eigentlich einen feinen Charakter haben. Wer solche Rohheit auf dem Feld anbietet, muß sich nicht wundern, wenn auch auf den Rängen  die Hemmschwelle für anständiges Benehmen sinkt.  Womit ich mich - leider notwendig - den  Vorfällen "am Rande" auch noch kurz zuwenden möchte. 

Mehr als 50 Personen, darunter auch  Polizisten und Sicherheitspersonal sind während des Spiels bei Ausschreitungen hinter dem Marathontor zu Schaden gekommen. Unsere Vereinsführung ist darüber entsetzt. Auch wenn der Ausgangspunkt der Handlungen aus dem Gästefanblock gekommen sein soll, so wirft dies kein gutes Licht auf den Fußball und im Letzten auch nicht auf unseren Verein. Denn die bundesweiten Schlagzeilen lauten "Randale in Erfurt". 

Schon vor wenigen Tagen waren wir in Sondershausen durch das Auftreten einiger "sog." Fußballanhänger in die Schlagzeilen geraten. 

Wir wollen stimmungsvollen, aber gewaltfreien Fußball in Erfurt. Wir wollen, dass die Leute positiv über den FC Rot-Weiß reden, sogar stolz auf ihn sein können. Wir wollen, dass ein Besuch unserer Spiele für j e d e n Besucher ohne Sorge um seine  körperliche Unversehrtheit  stattfinden kann.

Präsident Rombach hat wegen der Vorfälle schnell reagiert, will alle Akten zu dem gestrigen Vorfall sehen und hat für Dienstag eine Pressekonferenz anberaumt. Auch Darmstadts Präsidium hat inzwischen um ein Telefonat gebeten. Den Gästeverantwortlichen  ist der Vorfall  nämlich auch unangenehm, weil Darmstadt 98 ein ordentlicher, gut geführter Verein ist, der Gewalt ebenso ablehnt wie wir. 

 

Ihnen eine gute Woche

Ihr

Wilfried Mohren

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